Geschichten, die ein Haus erzählen kann

Wir sitzen im Bus auf dem Weg nach Tuzla. Die Landschaft Bosniens zieht an uns vorüber. Noch von Schnee bedeckte Berge, von Müll übersäte Flussufer, halb fertige Häuser. Der Schnee ist leicht zu erklären. Es ist März und wir befinden uns doch recht hoch über dem Meeresspiegel. Auch für den Müll an den Flussufern lässt sich schnell eine Erklärung finden. Die Flut im letzten Jahr hat diesen angeschwemmt. Doch wieso diese vielen halbfertigen Häuser? Zudem sogar die mehr oder weniger fertigen Häuser auch nur halb bewohnt scheinen.

Ich starre eine Weile auf die vorüberziehenden Häuser, die für meinen Geschmack sehr bombastisch anmuten. Ich habe schon gehört, dass Baumaterial in Bosnien sehr günstig sein soll, aber trotzdem erscheinen mir diese Bauten für die wenige Anzahl an Menschen, die man hier sieht, doch sehr groß. Ich grübel ein bisschen für mich allein. Viele halb fertige Häuser habe ich auch schon in Griechenland gesehen. Dort wurde mir meist als Grund genannt, dass irgendwann das Geld ausgegangen sei. Trifft das auch in diesem Fall zu? Nun denn, bevor ich mich endlos lange frage, wieso, weshalb, warum, lieber mal ein paar Gedanken teilen. Praktischerweise sitzen Igor und George ganz in der Nähe. Also, was ist da los mit diesen Häusern?

Meine erste Vermutung scheint sich zu bestätigen. Viele Menschen fangen an, ihr Haus zu bauen und bauen zunächst einmal ein Stockwerk. Und das Verputzen der Fassade? Hat noch Zeit. Kann dann mal gemacht werden, wenn das nötige Geld da ist. Es muss eben nicht immer alles auf einmal gemacht werden. Es ist work in progress. Ich will mich schon fast wieder Abwenden, denn mit dieser Erklärung bin ich scheinbar schon zufriedengestellt. Doch George kommt noch mit einer weiteren, ganz anderen Auflösung des Rätsels um die Ecke, die ich nicht erwartet hatte. Er erzählt mir, dass viele Elten ihre Kinder und Kindeskinder mit in den Hausbau einplanen. So wird ein Stockwerk für Tochter x und eines für Sohn y gebaut. Tja, und dann sitzen die Eltern da mit ihren vielen Stokwerken, ihrem Riesenhaus und bewohnen eigentlich nur ein Stockwerk. Und die Kinder? Die sind eben so wie die meisten Kinder auf dieser Welt. Zurück zu Mama und Papa ins Dorf? Keine zehn Pferde können einen dazu bringen.

So stehen diese gigantischen Häuser in der bosnischen Landschaft und erinnern einen jeden daran, dass Eltern meist ganz andere Vorstellungen davon haben, was gut ist für ihre Kinder. Gut zu wissen, dass das auch in Bosnien nicht anders ist als in Deutschland.

Anna Emil

Bitterer Kaffee

Ich sitze auf einem niedrigen Hocker, vor mir ein ebenso kleines Tischchen. Die muss der Besitzer des kleinen Cafes gleich morgens vor die Tür gestellt haben, auf den in Treppenstufen ansteigenden Gehweg, neben dem sich eine enge, gepflasterte Strasse den Berg hinauf windet. Vor mir fällt sie ebenso steil ab, und weil sie direkt zur Bascarsija (dem ältesten Stadtteil Sarajevos) führt, bietet sich hier ein toller Blick: Dicht an dicht reihen sich kleine Häuschen aneinander. Alle so niedrig, dass man sich den Kopf am Dach stößt, wenn man zu nah heran tritt. Früher hatten darin die Handwerker ihre Werkstätten und konnten so gleichzeitig verkaufen, was sie drinnen herstellten. Inzwischen liegt auf den Verkaufsladen davor allerlei Souvenirkram aus, darunter vor allem bosnische Kaffeekännchen.

Eines dieser Kännchen stellt mir der Kaffeebesitzer auf das Tischchen und erklärt, wie der Inhalt zu trinken sei: Wenn man nicht aufpasst trinkt man sonst das Kaffeepulver mit, das mit dem Wasser zu Kaffee aufgekocht wird. “Was machst du hier?” fragt er dann noch, bevor er wieder nach drinnen verschwindet. Was ich hier mache? Ich trinke hier Kaffee. Ich genieße hier die Aussicht. Ich bin hier auf Reisen. Ich denke hier nach…

Vor fast fünf Jahren war ich zum ersten Mal hier, um einen Freiwilligendienst zu machen, den ich resigniert abbrach. Und als ich danach zwei Monate lang allein durch die Länder des ehemaligen Jugoslawiens reiste kehrte noch resignierter und deprimierter zurück, den Kopf voller Geschichten über den Krieg, die Flucht und die Apathie im Land, die ich überall zu sehen glaubte. Jetzt bin ich wieder da – aber was ich hier will? Ich weiß es nicht. Nachdem ich mich beim letzten Mal mit der Vergangenheit beschäftigt hatte und dabei bemerkte, wie gelähmt die Menschen in der Gegenwart erscheinen, hoffe ich nun auf Aktivismus, Protest und die Zukunft.

Aber wieder schwappt eine lähmende Antriebslosigkeit an mich heran: Die Aktivist*innen sprechen von einem “activist burn-out”. Das verwundert mich nicht: Wer wochenlang bis zu 24 Stunden täglich opfert, um wichtige Veränderungen zu erwirken, aber nur gegen verschlossene Türen anrennt und dann beobachten muss, wie die kurze Welle der Euphorie verebbt, wird müde. Ich bin froh, nicht selbst aus dem Land zu sein, die Freiheit zu haben, zu gehen, wenn es mir zu viel wird. Und dennoch lassen sich die Eindrücke nicht abschütteln. Dennoch komme ich wieder zurück.

Ich nehme einen Schluck Kaffee. Bitter, wie immer. Und dennoch bestelle ich ihn immer und immer wieder. “So bitter, dass man den nicht trinken kann”, sagte mein Freund, als er zu Besuch war. “So bitter, wie unser Leben”, sagte meine bosnische Freundin: Hohe Arbeitslosigkeit, krasse Korruption (um den Studienplatz zu erhalten, eine Stelle zu bekommen – und sogar für den Termin beim Arzt), fehlendes Kulturangebot und Passivität machen das Leben beschwerlich. Und der Vertrag von Dayton, der einen komplizierten Frieden brachte, wurde zur Verfassung. Nun trennt er die drei Ethnien voneinander, anstatt sie zu vereinen. Um es nicht so bitter zu haben, nimmt man viel Zucker dazu: Zwei Päckchen schütte ich hinein. Hochzeiten feiert man groß, sobald die Sonne scheint, sind die unzähligen cafés gefüllt und abends spielt uns an dem Tag ein “tamburisa”-Orchester melancholische aber auch freudige Lieder, zu dem die Menschen, die mit uns im Restaurant sitzen, zu tanzen beginnen.

Was denkt man über ein Land, in dem die Pockennarben der Häuser noch nicht verdeckt sind – an denen die Bewohner aber vorbei laufen, als sei das normal? Was denkt man über ein Land, in dem sich die Menschen gegenseitig helfen, wenn eine Flut große Schäden anrichtet, ohne dabei auf die ethnische Zugehörigkeit zu achten – diese interethnische Hilfsbereitschaft von allen (internationalen) Beobachter*innen und Kommentator*innen aber besonders hervorgehoben und betont wird? Wie denkt man über ein Land, in dem hohe Arbeitslosigkeit herrscht, die Menschen aber dennoch ausgelassen in den Cafes und Bars sitzen und durch die Sonne spazieren? Wie stellen wir sicher, uns nicht in Vorurteilen zu verheddern, wenn wir über “den Balkan” sprechen, der uns im Klischee oft wild, chaotisch und ungeplant erscheint? Und was wollen wir überhaupt hier? Was machen wir, wenn uns die Aktivist*innen von ihren Sorgen erzählen, oder davon, dass sie inzwischen aufgeben, der Hindernisse und Erfolglosigkeit müde geworden? Was machen, wenn die Bosnier*innen den internationalen Einfluss verurteilen, und wir kurz danach im schicken, klimatisierten Büro internationaler Vertretungen sitzen?

“Kako si?” – “wie gehts” grüßt schon wieder eine Fußgängerin die zwei Frauen, die neben mir an einem Tischchen sitzen. Man kennt sich, hat Zeit für ein kurzes Gespräch. Mein Blick folgt der grüßenden Passantin die Straße hinab, über die Kreuzung, an der unentwegt gehupt wird, weil sie für den dichten Verkehr viel zu eng ist und landet dann auf der Bascarsija. Dort schweift er über das bunte Trubeln und gleitet die Berghänge hinauf, auf denen Häuser und Moscheen zwischen saftigem Grün stehen.

Verloren rühre ich mit meinem Löffel in der Tasse herum, und habe dabei aus Versehen das Kaffeepulver hochgewirbelt, das sich schon am Tassenboden beruhigt hatte.

Sophie Rebmann

Sprechende Flüsse – eine schwierige Geschichte bis heute

Im Dunkeln überquere ich im Reisebus von Belgrad nach Sarajevo die serbisch-bosnische Grenze. Eine Brücke führt mich über die Drina. Erst vor einigen Wochen las ein Freund mir aus Sasa Stanisics Buch “Wie der Soldat das Grammofon repariert” von ihr vor. Aleksandar spricht mit der Drina und laut seinem Opa ist das der entscheidende Grund warum er den Angelwettbewerb gewinnt. Die Drina erzählt von den Grausamkeiten des Krieges. Gerne würde ich aussteigen, mich setzen, sie kennenlernen, vielleicht etwas mit ihr sprechen. Der Busfahrer hält nicht einfach an um mit der Drina zu sprechen und so fahre ich weiter nach Bosnien – einem Land das ich erst noch verstehen lernen muss.

Mit dem Dayton-Abkommen von 1995 wird zwar der Krieg beendet aber gleichzeitig eine Situation geschaffen die noch 20 Jahre später Stagnation bedeutet. Bosnien und Herzegowina (BiH) wird in drei Ethnien aufgeteilt. Man ist entweder Serbe oder Kroate oder Bosniake. Wer sich keiner dieser drei Ethnien zuordnet, kann in BiH schwerlich etwas erreichen.

Penibel wird auf die Gleichberechtigung der drei Ethnien geachtet, was nicht zuletzt zu einigen Absurditäten führt:

  • Unser Freund und Mitstipendiat Igor erzählt uns, wie er und seine Freunde an einem Wettbewerb teilnahmen. Das sie nicht gewinnen können, wussten sie vorher. Offiziell zwar eine unabhängige Jury schienen die Gewinner*innen einem Schema zu folgen: Serbe – Kroate – Bosniake. Jedes Jahr eine andere Ethnie. Für Igor und seine Freunde war es das falsche Jahr.
  • Die Sitze im Parlament werden nicht vorrangig nach erhaltenen Stimmen, sondern nach ethnischer Zugehörigkeit aufgeteilt. Wer als Politiker*in seiner Ethnie nicht genug Stimmen erhält, versucht sich einer anderen Ethnie zuzuordnen und so doch noch zum Erfolg zu gelangen.
  • Da jede Ethnie ein Recht auf eine eigene Schulbildung hat, werden zwei Ethnien in einem gemeinsamen Gebäude beschult. Ein Weg zur Interaktion? – Weit gefehlt. Um das Aufeinandertreffen der Schüler*innen zu vermeiden wird zu unterschiedlichen Zeiten in verschiedenen Hälften des Gebäudes unterrichtet. Die Möglichkeit der Interaktion wird zu einer deutlichen ethnischen Spaltung im Kindesalter.

Das laut UNDP 95% aller ausführlichen interethnischen Kontakte als positiv angesehen werden, verändert die Situation im Land kaum. Zumal nur ca. 30% der Bevölkerung überhaupt regelmäßigen interethnischen Kontakt hat. (Da ich mich hierbei auf eine mündliche Aussage stütze, bitte ich diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen.)

Viele Bosnier schwelgen in nostalgischer Erinnerung. Der Sozialstaat Titos bot ihnen ein besseres Leben, sagen sie. Die interethnischen Probleme waren weniger und selbst Minderheiten wurden stärker unterstützt und geschützt. Nur wenige derer die wir bisher getroffen haben verweigern sich dieser Aussage. “Früher war alles besser.” Heute fürchtet sich die Kriegsgeneration vor wiederkehrender Gewalt – die Nachkriegsgeneration übt sich in Silence, bleibt still. In Sarajevo bekommen wir den Eindruck, dass die Proteste hauptsächlich von der Generation dazwischen bestimmt werden; denen die den Krieg als Kinder oder Jugendliche miterlebt haben. Hat sich die Jugend schon mit Bosniens Schicksal und ihrer Rolle darin abgefunden? Oder wird ihr keine Stimme gegeben? Fairerweise muss ich gestehen, dass wir uns nicht mit Jugendlichen unterhalten haben, sondern nur auf das verlassen was uns erzählt wird. Immerhin wollen laut UNDP 70% der Jugend das Land verlassen.

Ein bisschen anders ist die Situation in Tuzla. Bei “Revolt” engagieren sich insbesondere junge Erwachsene und Schüler*innen, am Plenum sind Studierende intensiv beteiligt. Aber auch hier macht sich ein gewisser Pessimismus bemerkbar. Es ist die Rede vom sogenannten “brain drain”, der Abwanderung von Akademiker*innen und Fachkräften. Die Menschen, die bleiben tun wenig. Den Nachwuchs zu begeistern und ihnen bewusst zu machen, dass Arbeiterbewegungen und -proteste eine wichtige Rolle für ihre Zukunft spielen können, ist eine kräftezehrende Aufgabe.

In Sarajevo beschrieb Darjan die Situation einfach mit den Worten “We’re fuckable”, die “Zwischengeneration” ist ausgebrannt. Es braucht viel Kraft um die auferlegten Strukturen zu verändern und dem stetig lauernden Zynismus der Gleichgültigkeit die Stirn zu bieten. Die Jugend in Tuzla ist jedenfalls noch nicht bereit aufzugeben!

Die Drina erzählt heute Geschichten über Serbien. Was weiß die Bosna wohl über ihr Land zu berichten?

Lina Müller