Wo wir die Relevanz des Themas finden

Nicht weit weg von Sarajevo, der Linienbus nach Trebinje ist erst eine Stunde lang zwischen schneebedeckten Berggipfeln hindurchgekurvt. Wieder einmal halten wir in einer Kurve, weil eine Person am Strassenrand steht, um mitgenommen zu werden. Eine aeltere Frau (mit tiefen Falten im Gesicht, eingewickelt in ein dickes, blaues Kopftuch) wartet mit einem jungen Maedchen.

Das Maedchen steigt ein, in einer Hand eine grosse Plasticktuete voller Kleidung. “Wohin soll es gehen?”, fragt der Busfahrer und die Oma antwortet: “Nach Trebinje. Ihre Mutter holt sie dort ab. Mach es gut, Liebes.” Sie will sich umdrehen – “und wer zahlt das Ticket?”, fragt der Busfahrer. “Ihre Mutter arbeitet nicht, wir arbeiten nicht…”, gibt die Oma zur Antwort. Der Busfahrer bietet ein ‘halbes Ticket’ an. “Das koennen wir nicht zahlen”, spricht die augebleichte Jacke der Oma. Und das spricht das Haus am Berg, das von aussen um eine Renovierung bittet, um sich wieder aufrecht hinstellen zu koennen. Es muss wohl eines der Hauser sein, die von Elektrizitatskabeln und Wasseranschlussen nicht erreicht wurden – so hat es uns der Mitarbeiter eines NGOs erzaehlt.

Wir fahren weiter. Mit dem Maedchen. Und der Relevanz unseres Themas: Als wir ueber Arbeitslosigkeit und Armut in Bosnien sprachen, haben wir solche Bilder wahrscheinlich nicht vor Augen gehabt. Hier aber zeigt sich, wie prekaer die Situation im Land sein kann und wie wichtig und notwendig Proteste und Aktivismus in Bosnien daher sind.

Was ist mit Menschen, deren Eltern oder Umfeld ihnen nicht gezeigt hat, wie wichtig politisches Engagement ist? Was passiert mit Menschen, die nicht daran glauben, mit Protesten etwas bewegen zu koennen – in einem Land, in dem man Politiker meisst nur mit Korruption verbindet? Was ist mit Menschen, die kein Geld haben, um zu Protesten zu fahren, die nicht in Staedten wohnen, oder bei denen auf dem Dorf nur sehr selten Busse vorbei fahren?

Auf einer Parkbank in Banja Luka, der zweitgroessten Stadt, in der LGBTIQ sich nicht oeffentlich treffen koennen. Meine beste bosnische Freundin hatte ich nicht vor Augen, als ich mich in Sarajevo mit Frauenrechts- und LGBTIQ-Aktivist*innen traf. Sie ist wie gelaehmt von der Situation, traut sich nicht, ihren Freunden zu erzaehlen, dass sie auf Frauen steht und leidet darunter, das sie (mit Kurzhaarschnitt und Karohemden) auf der Damentoilette oft gefragt wird, ob sie hier richtig sei. Das alles, waehrend Aktivist*innen Morddrohungen erhalten und viele aus der Stadt und aus dem Land emigrieren – was es dem Rest noch schwerer macht, sich zu organisieren.

Wir kritisierten, dass wir uns nur mit privilegierten, aktiven und organisierten Menschen getroffen haben. Aber gerade ihre Organisation ermoeglichte uns, sie zu kontaktieren. Es war schwer zu sehen, was ‘der Rest’ zu dem Thema zu sagen hatte. Und dennoch liess sich vielerorts erkennen, wie Notwendig eine Veraenderung ist, fuer Bosnien, wie hart die Realitaet in dem Land ist – und wie wichtig daher die Proteste und somit unser Thema sind. Immer wieder zeigte sich uns die Relevanz aus verschiedenen Perspektiven, wartete immer wieder erneut hinter Wegbiegungen, die wir uns mal zu Fuss und mal in unserem Bus erschlossen. Nun beobachte ich alleine, durch das Fenster eines Linienbusses, in dem ich aus Bosnien hinaus fahre…

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