Zähneputzen wie der Prophet

Wer in Sarajevos Altstadt markante Punkte zur Orientierung sucht, kommt nicht an den drei Moscheen vorbei, die nur etwa hundert Meter voneinander entfernt stehend das Stadtbild dominieren. Aber nicht nur die Moscheen zeugen von der osmanischen Vergangenheit Sarajevos, auch die weiteren von Gazi Husrev Bey erbauten Gebäude wie die Madrasa und der Basar sind Teil der wunderbar erhaltenen osmanischen Architektur.

Dass der Islam hier auch zu Europa gehört, scheint beim Anblick der zum Freitagsgebet völlig überfüllten Moscheen, die offensichtlich nicht allen Gläubigen Platz bieten, welche daher zum Teil gezwungen sind auf dem Vorplatz der Moschee zu beten, nicht weiter diskussionswürdig. Die Frage nach der Religiosität der Menschen wird von vielen Touristen zwar gerne an der Anzahl von Frauen mit Kopftuch bemessen, dabei handelt es sich allerdings um ein denkbar schlechtes Mittel und anscheinend ist es in Bosnien kein sonderlich beliebtes Kleidungsstück .

Um zu erfahren welche Rolle der Islam in diesem Land, in der Gesellschaft einnimmt, muss ich mir also etwas anderes einfallen lassen. Beim Schlendern durch die kleinen Gassen um die Moscheen fallen mir die vielen kleinen Buchhandlungen auf, die nebst allerlei Koran und Hadith Übersetzungen auch kleine islamische Glücksbringer, wie einen auf Miniaturgröße geschrumpften Koran anbieten. Allerdings findet man in diesen Läden auch allerhand salafistische Literatur und solch kuriose Dinge wie Miswak Zweige. Salafistische Literatur soll hier als eine den Koran radikal wörtlich auslegende und sich in Empfehlungen für Verhaltens- und Lebensweise, auf die ersten Generationen von Muslimen beziehende Literatur verstanden werden. Diese kann auch zu Gewalt aufrufen, muss dies aber nicht.

Über den Miswak Zweig ist überliefert, dass der Prophet Mohammed diesen zum Zähneputzen benutzt hat und seine Verwendung allen Muslimen empfohlen hat. Da Muslime sich den Propheten zum Vorbild nehmen sollen, scheint eine gewissenhafte Zahnpflege für jeden gläubigen Muslim Pflicht zu sein. Ob dies auch bedeutet dieselbe Zahnbürste wie der Prophet benutzen zu müssen, ist dabei wohl eher Interpretationssache.

Die Verfügbarkeit dieser Artikel scheint darauf hinzudeuten, dass es durchaus Gruppierungen in Sarajevo gibt, die dieser Auslegung des Islams nahestehen. Der anhaltende Strom von jungen Menschen, die sich in Syrien den Balkan-Brigaden der IS anschließen, muss ja irgendwo seinen Ursprung haben. Nachdem wir uns nun eine Woche lang mit jungen Aktivisten und NGO’s in Bosnien getroffen haben und immer wieder von der etwa bei 60% liegenden Jugendarbeitslosigkeit und der Perspektivlosigkeit der jungen Leute gehört haben, scheint Bosnien der ideale Rekrutierungsort für den IS zu sein. Man kann nur hoffen, dass die aus Syrien zurückkehrenden ehemaligen IS Soldaten die bereits schwierige politische Situation in Bosnien nicht noch weiter destabilisieren. Dies sollte aber auf keinen Fall von den lokalen Politikern und internationalen Organisationen ausgenutzt werden, um mit Sicherheitsargumenten die ohnehin schon schwache Demokratie noch weiter zu schwächen.

Anneke Scherz

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