Sprechende Flüsse – eine schwierige Geschichte bis heute

Im Dunkeln überquere ich im Reisebus von Belgrad nach Sarajevo die serbisch-bosnische Grenze. Eine Brücke führt mich über die Drina. Erst vor einigen Wochen las ein Freund mir aus Sasa Stanisics Buch “Wie der Soldat das Grammofon repariert” von ihr vor. Aleksandar spricht mit der Drina und laut seinem Opa ist das der entscheidende Grund warum er den Angelwettbewerb gewinnt. Die Drina erzählt von den Grausamkeiten des Krieges. Gerne würde ich aussteigen, mich setzen, sie kennenlernen, vielleicht etwas mit ihr sprechen. Der Busfahrer hält nicht einfach an um mit der Drina zu sprechen und so fahre ich weiter nach Bosnien – einem Land das ich erst noch verstehen lernen muss.

Mit dem Dayton-Abkommen von 1995 wird zwar der Krieg beendet aber gleichzeitig eine Situation geschaffen die noch 20 Jahre später Stagnation bedeutet. Bosnien und Herzegowina (BiH) wird in drei Ethnien aufgeteilt. Man ist entweder Serbe oder Kroate oder Bosniake. Wer sich keiner dieser drei Ethnien zuordnet, kann in BiH schwerlich etwas erreichen.

Penibel wird auf die Gleichberechtigung der drei Ethnien geachtet, was nicht zuletzt zu einigen Absurditäten führt:

  • Unser Freund und Mitstipendiat Igor erzählt uns, wie er und seine Freunde an einem Wettbewerb teilnahmen. Das sie nicht gewinnen können, wussten sie vorher. Offiziell zwar eine unabhängige Jury schienen die Gewinner*innen einem Schema zu folgen: Serbe – Kroate – Bosniake. Jedes Jahr eine andere Ethnie. Für Igor und seine Freunde war es das falsche Jahr.
  • Die Sitze im Parlament werden nicht vorrangig nach erhaltenen Stimmen, sondern nach ethnischer Zugehörigkeit aufgeteilt. Wer als Politiker*in seiner Ethnie nicht genug Stimmen erhält, versucht sich einer anderen Ethnie zuzuordnen und so doch noch zum Erfolg zu gelangen.
  • Da jede Ethnie ein Recht auf eine eigene Schulbildung hat, werden zwei Ethnien in einem gemeinsamen Gebäude beschult. Ein Weg zur Interaktion? – Weit gefehlt. Um das Aufeinandertreffen der Schüler*innen zu vermeiden wird zu unterschiedlichen Zeiten in verschiedenen Hälften des Gebäudes unterrichtet. Die Möglichkeit der Interaktion wird zu einer deutlichen ethnischen Spaltung im Kindesalter.

Das laut UNDP 95% aller ausführlichen interethnischen Kontakte als positiv angesehen werden, verändert die Situation im Land kaum. Zumal nur ca. 30% der Bevölkerung überhaupt regelmäßigen interethnischen Kontakt hat. (Da ich mich hierbei auf eine mündliche Aussage stütze, bitte ich diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen.)

Viele Bosnier schwelgen in nostalgischer Erinnerung. Der Sozialstaat Titos bot ihnen ein besseres Leben, sagen sie. Die interethnischen Probleme waren weniger und selbst Minderheiten wurden stärker unterstützt und geschützt. Nur wenige derer die wir bisher getroffen haben verweigern sich dieser Aussage. “Früher war alles besser.” Heute fürchtet sich die Kriegsgeneration vor wiederkehrender Gewalt – die Nachkriegsgeneration übt sich in Silence, bleibt still. In Sarajevo bekommen wir den Eindruck, dass die Proteste hauptsächlich von der Generation dazwischen bestimmt werden; denen die den Krieg als Kinder oder Jugendliche miterlebt haben. Hat sich die Jugend schon mit Bosniens Schicksal und ihrer Rolle darin abgefunden? Oder wird ihr keine Stimme gegeben? Fairerweise muss ich gestehen, dass wir uns nicht mit Jugendlichen unterhalten haben, sondern nur auf das verlassen was uns erzählt wird. Immerhin wollen laut UNDP 70% der Jugend das Land verlassen.

Ein bisschen anders ist die Situation in Tuzla. Bei “Revolt” engagieren sich insbesondere junge Erwachsene und Schüler*innen, am Plenum sind Studierende intensiv beteiligt. Aber auch hier macht sich ein gewisser Pessimismus bemerkbar. Es ist die Rede vom sogenannten “brain drain”, der Abwanderung von Akademiker*innen und Fachkräften. Die Menschen, die bleiben tun wenig. Den Nachwuchs zu begeistern und ihnen bewusst zu machen, dass Arbeiterbewegungen und -proteste eine wichtige Rolle für ihre Zukunft spielen können, ist eine kräftezehrende Aufgabe.

In Sarajevo beschrieb Darjan die Situation einfach mit den Worten “We’re fuckable”, die “Zwischengeneration” ist ausgebrannt. Es braucht viel Kraft um die auferlegten Strukturen zu verändern und dem stetig lauernden Zynismus der Gleichgültigkeit die Stirn zu bieten. Die Jugend in Tuzla ist jedenfalls noch nicht bereit aufzugeben!

Die Drina erzählt heute Geschichten über Serbien. Was weiß die Bosna wohl über ihr Land zu berichten?

Lina Müller

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