Bitterer Kaffee

Ich sitze auf einem niedrigen Hocker, vor mir ein ebenso kleines Tischchen. Die muss der Besitzer des kleinen Cafes gleich morgens vor die Tür gestellt haben, auf den in Treppenstufen ansteigenden Gehweg, neben dem sich eine enge, gepflasterte Strasse den Berg hinauf windet. Vor mir fällt sie ebenso steil ab, und weil sie direkt zur Bascarsija (dem ältesten Stadtteil Sarajevos) führt, bietet sich hier ein toller Blick: Dicht an dicht reihen sich kleine Häuschen aneinander. Alle so niedrig, dass man sich den Kopf am Dach stößt, wenn man zu nah heran tritt. Früher hatten darin die Handwerker ihre Werkstätten und konnten so gleichzeitig verkaufen, was sie drinnen herstellten. Inzwischen liegt auf den Verkaufsladen davor allerlei Souvenirkram aus, darunter vor allem bosnische Kaffeekännchen.

Eines dieser Kännchen stellt mir der Kaffeebesitzer auf das Tischchen und erklärt, wie der Inhalt zu trinken sei: Wenn man nicht aufpasst trinkt man sonst das Kaffeepulver mit, das mit dem Wasser zu Kaffee aufgekocht wird. “Was machst du hier?” fragt er dann noch, bevor er wieder nach drinnen verschwindet. Was ich hier mache? Ich trinke hier Kaffee. Ich genieße hier die Aussicht. Ich bin hier auf Reisen. Ich denke hier nach…

Vor fast fünf Jahren war ich zum ersten Mal hier, um einen Freiwilligendienst zu machen, den ich resigniert abbrach. Und als ich danach zwei Monate lang allein durch die Länder des ehemaligen Jugoslawiens reiste kehrte noch resignierter und deprimierter zurück, den Kopf voller Geschichten über den Krieg, die Flucht und die Apathie im Land, die ich überall zu sehen glaubte. Jetzt bin ich wieder da – aber was ich hier will? Ich weiß es nicht. Nachdem ich mich beim letzten Mal mit der Vergangenheit beschäftigt hatte und dabei bemerkte, wie gelähmt die Menschen in der Gegenwart erscheinen, hoffe ich nun auf Aktivismus, Protest und die Zukunft.

Aber wieder schwappt eine lähmende Antriebslosigkeit an mich heran: Die Aktivist*innen sprechen von einem “activist burn-out”. Das verwundert mich nicht: Wer wochenlang bis zu 24 Stunden täglich opfert, um wichtige Veränderungen zu erwirken, aber nur gegen verschlossene Türen anrennt und dann beobachten muss, wie die kurze Welle der Euphorie verebbt, wird müde. Ich bin froh, nicht selbst aus dem Land zu sein, die Freiheit zu haben, zu gehen, wenn es mir zu viel wird. Und dennoch lassen sich die Eindrücke nicht abschütteln. Dennoch komme ich wieder zurück.

Ich nehme einen Schluck Kaffee. Bitter, wie immer. Und dennoch bestelle ich ihn immer und immer wieder. “So bitter, dass man den nicht trinken kann”, sagte mein Freund, als er zu Besuch war. “So bitter, wie unser Leben”, sagte meine bosnische Freundin: Hohe Arbeitslosigkeit, krasse Korruption (um den Studienplatz zu erhalten, eine Stelle zu bekommen – und sogar für den Termin beim Arzt), fehlendes Kulturangebot und Passivität machen das Leben beschwerlich. Und der Vertrag von Dayton, der einen komplizierten Frieden brachte, wurde zur Verfassung. Nun trennt er die drei Ethnien voneinander, anstatt sie zu vereinen. Um es nicht so bitter zu haben, nimmt man viel Zucker dazu: Zwei Päckchen schütte ich hinein. Hochzeiten feiert man groß, sobald die Sonne scheint, sind die unzähligen cafés gefüllt und abends spielt uns an dem Tag ein “tamburisa”-Orchester melancholische aber auch freudige Lieder, zu dem die Menschen, die mit uns im Restaurant sitzen, zu tanzen beginnen.

Was denkt man über ein Land, in dem die Pockennarben der Häuser noch nicht verdeckt sind – an denen die Bewohner aber vorbei laufen, als sei das normal? Was denkt man über ein Land, in dem sich die Menschen gegenseitig helfen, wenn eine Flut große Schäden anrichtet, ohne dabei auf die ethnische Zugehörigkeit zu achten – diese interethnische Hilfsbereitschaft von allen (internationalen) Beobachter*innen und Kommentator*innen aber besonders hervorgehoben und betont wird? Wie denkt man über ein Land, in dem hohe Arbeitslosigkeit herrscht, die Menschen aber dennoch ausgelassen in den Cafes und Bars sitzen und durch die Sonne spazieren? Wie stellen wir sicher, uns nicht in Vorurteilen zu verheddern, wenn wir über “den Balkan” sprechen, der uns im Klischee oft wild, chaotisch und ungeplant erscheint? Und was wollen wir überhaupt hier? Was machen wir, wenn uns die Aktivist*innen von ihren Sorgen erzählen, oder davon, dass sie inzwischen aufgeben, der Hindernisse und Erfolglosigkeit müde geworden? Was machen, wenn die Bosnier*innen den internationalen Einfluss verurteilen, und wir kurz danach im schicken, klimatisierten Büro internationaler Vertretungen sitzen?

“Kako si?” – “wie gehts” grüßt schon wieder eine Fußgängerin die zwei Frauen, die neben mir an einem Tischchen sitzen. Man kennt sich, hat Zeit für ein kurzes Gespräch. Mein Blick folgt der grüßenden Passantin die Straße hinab, über die Kreuzung, an der unentwegt gehupt wird, weil sie für den dichten Verkehr viel zu eng ist und landet dann auf der Bascarsija. Dort schweift er über das bunte Trubeln und gleitet die Berghänge hinauf, auf denen Häuser und Moscheen zwischen saftigem Grün stehen.

Verloren rühre ich mit meinem Löffel in der Tasse herum, und habe dabei aus Versehen das Kaffeepulver hochgewirbelt, das sich schon am Tassenboden beruhigt hatte.

Sophie Rebmann

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