Über den Einfluss der internationalen Gemeinschaft

Wir sind gerade das erste Mal in Sarajevo aufgewacht und schon treffen wir uns mit Darjan Bilić und Lejla Šeper. Sie sind Aktivisten aus Sarajevo, die zusammen mit Mitstreitern während der Proteste im Frühjahr 2014 das sog. Plenum organisierten – eine Plattform, die allen Menschen eine Möglichkeit bieten sollte, ihrem Protest gegen die Regierung und die politischen Verhältnisse im Land in Diskussionen Ausdruck zu verleihen. Sie erzählen uns von ihrem Protest. Auch kommen sie darauf zu sprechen, was sie über bosnische NGOs denken und wie sie die Rolle der Vertreter der internationalen Gemeinschaft in Bosnien bewerten. Sie werden sehr eindeutig: Sie sehen diese westliche Unterstützung als wertlos an. Von der internationalen Gemeinschaft finanzierte NGOs wären viel mehr auf ihr eigenes Image fokussiert und würden nichts zur Veränderung im Lande beitragen. Ihre Mitarbeiter, für bosnische Verhältnisse überbezahlte „Aktivisten“ würden sich nicht wirklich darum bemühen, eine wirksame Strategie zur demokratischen Veränderung Bosniens zu verfolgen. Sie wären vielmehr die meiste Zeit damit beschäftigt, Berichte für ihre Vorgesetzten zu schreiben. Auch Vertreter der internationalen Gemeinschaft in Bosnien wie die UN wären nutzlos und würden nicht auf die Bevölkerung und ihre Probleme eingehen. Sie seien unfähig, eine Verbesserung der Zustände im Land herbeizuführen und daher überflüssig.

Dieser scharfen Kritik wollen wir weiter nachgehen. Am nächsten Tag sind wir bei der UN und sprechen mit Vertretern des United Nations Development Programme. Man erzählt uns von einigen laufenden Projekten, kommt aber schnell auf Schwierigkeiten zu sprechen. Geld und Bestrebungen seien da, aber die Projekte wären meistens nicht erfolgreich, das geben auch Thomas Osorio und Envesa Hodzic-Kovac, unsere Gesprächspartner in der UNDP zu. Gründe sehen sie in dem politischen System Bosniens, das keine Veränderungen zulasse: Die herrschenden Eliten seien nicht daran interessiert, da sie von dem bestehenden System profitieren würden. Sie befänden sich in einflussreichen Positionen, die sich auch finanziell auszahlen würden. Thomas Osorio sieht einen weiteren Grund in der politischen Lethargie der bosnischen Bevölkerung. Das lasse sich auch damit erklären, dass ein Drittel der bosnischen Arbeitnehmer vom Staat angestellt wären, der Löhne zahle, die bis zu 30% höher wären als auf dem privaten Arbeitsmarkt. Vor allem die Sicherheit, die eine Anstellung beim Staat bieten würde, erhöhe die Attraktivität dieser Stellen. Diese Attraktivität würde dazu führen, dass man nicht gegen den Staat protestiere, da man kein Interesse an einer Systemänderung hätte.

In einer solchen „gesellschaftlich-politischen Stagnation“ sei es sehr schwierig, Partizipation für Projekte zu finden, die abseits von finanzieller Hilfe zu einer gesellschaftlichen Veränderung führen könne. Man bekommt den Eindruck, dass die UNDP-Mitarbeiter für etwas arbeiten, was sie ihrer eigenen Meinung nach nicht erreichen können. Letztendlich können sie die von Darjan und Lejla geäußerte Meinung über sie nicht glaubwürdig aus dem Weg räumen.

Kurz danach sitzen wir in der kleinen Bibliothek der LGBTI*-Organisationen CURE und SOZ (Sarajevo Open Center). Diesmal sind wir erfreut, dass wir nach so viel Pessimistischem auch von Fortschritten und Erfolgen zu hören bekommen. Sie berichten von Projekten, in denen sie erfolgreich Polizisten zu LGBTI*-Rechten aufklären und weiterbilden. Wir sind überrascht, dass so etwas möglich ist; dass das Engagement von einer NGO doch etwas erreichen kann – entgegen der Meinung Lejlas und Darjans. Diese zwei kleinen NGOs sind zu großen Teilen von amerikanischen und westeuropäischen Organisationen und Stiftungen finanziert. Und die Polizisten reagieren nach unseren Gesprächspartnern durchaus nicht negativ auf die Fortbildungen. Partielle Veränderung scheint doch möglich zu sein.

Insgesamt sehen wir also, dass die Arbeit und Unterstützung der internationalen Gemeinschaft durchaus kritisch in Bosnien gesehen- und auch von ihren Vertretern selbst als äußerst schwierig eingeschätzt wird. Auch wenn Unterstützung erfolgreich sein kann, wie man am Beispiel der LGBTI*– Organisationen CURE und SOZ sieht.

Jonas Eichhorn

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