Von Masern und Kopfschmerzen – Eindrücke aus Sarajevo

Sarajevo begrüßt uns mit Sonnenschein, angekündigt waren Temperaturen um den Gefrierpunkt. Also raus aus den dicken Winterjacken! Wir fahren gefühlte Stunden mit dem Auto durch den Berufsverkehr ins Stadtzentrum. Vorbei am Holiday Inn, aus dem die Journalisten während des Krieges berichteten, an Glasbauten und ziemlich baufälligen Gebäuden. Besonders ins Auge stechen die zahllosen Einschusslöcher, die man in fast jeder Fassade entdeckt. Es hilft auch nicht, wenn diese einzeln verputzt werden. Das sieht ein bisschen aus, als hätte das Haus Masern. Nicht schön. Wie ist es, wenn man tagtäglich so offensichtlich an den Krieg erinnert wird?

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Die Gruppe plätschert so langsam ins Hostel ein. Begrüßung und Hallodri folgt. Wir steigen ziemlich schnell ein in das recht eng getaktete Programm. Viele Treffen mit Aktivisten, NGOs und internationalen Organisationen stehen an. Im Großen und Ganzen sind die Aussichten, die diese geben recht düster. Wie geht es mit Bosnien weiter? Was sind mögliche Lösungen für diese festgefahrene Situation? Die Antworten reichen von Föderalisierung und Loslösung der ethnisch bestimmten Entitäten bis zur völligen Neuverhandlung der Verfassung. Allen fällt es tendenziell sehr schwer, positive Perspektiven zu formulieren. Der Blick auf die Proteste in den vergangenen Jahren ist auch nicht glanzvoller. Geändert hätte sich nichts, sagen die meisten. Die Aktivisten und NGOs seien untereinander zerstritten, häufig auf einer sehr persönlichen Ebene. Zusammenarbeit mit der Politik? Niemals, sagen die einen. Direktdemokratische Teilhabe, wünschenswert aber sehr chaotisch und bisher ergebnislos. Die Plena seien auch irgendwann nur noch zu Wunschbrunnen degeneriert. Die ethno-nationalistischen Parteien ziehen hingegen an einem Strang – sie sind die Profiteure des Systems. Das Gefühl kommt bei uns allen auf, dass es sowieso keine Hoffnung mehr für Bosnien gibt. Diese Apathie und Passivität, die in der Bevölkerung vorherrscht, erreicht auch uns. Es scheint als ob eine ganze Stadt oder vielmehr ein ganzes Land unter lähmenden Kopfschmerzen leidet und auch uns geht das Aspirin aus.

Und doch sind da immer wieder diese Menschen, die sich von dieser Dauermigräne nicht aufhalten lassen wollen. Sie legen Programme auf für Jugendliche, um interethnische Jugendcamps und Kommunikation zu fördern. Sie organisieren Workshops für Polizisten zu LGBTIQ-Rechten. Sie fahren in die kleinen Gemeinden in Bosnien-Herzegowina und informieren Frauen über ihre Rechte. Sie bilden Netzwerke mit anderen Aktivisten und lassen nicht locker, wenn sie wieder einmal von der Politik unbeachtet bleiben. Wenn diese Menschen nicht aufgeben wollen, wenn sie noch immer die Energie haben, dann kann und muss es weitergehen in diesem Land. Der ausbleibende Rückfall in die Gewalt wie jahrelang von der internationalen Gemeinschaft befürchtet, ist ausgeblieben. Die Angst vor diesem lähmt viele Menschen, aber ein Verharren in dieser Situation wollen einige junge Leute nicht hinnehmen. Die reine Abwesenheit von Gewalt darf nicht als die Endstation für Bosnien-Herzegowina gesehen werden und daran arbeiten diese Menschen Tag für Tag.

Anna Emil und Nastasja Ilgenstein

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