Starke Frauen für ein starkes Bosnien?

Welche Rolle Frauen im bosnisch-herzegowinischen Transformationsprozess einnehmen

Die Gesellschaft in Bosnien-Herzegowina ist bisher eine patriarchale. Frauen werden strukturell diskriminiert, sie werden im öffentlichen Leben unsichtbar gemacht, auf Heim und Reproduktion reduziert – und nehmen aus diesem Grund wenig Raum im politischen Geschehen ein. Lediglich 17% der Abgeordneten im bosnisch-herzegowinischen Parlament in Sarajevo sind weiblich; aus diesen Überlegungen stellte sich mir die Frage, welche Rolle Frauen in den Protesten von 2014 einnahmen bzw. ob und wie sie generell am (gesellschafts-)politischen Leben teilhaben. Bei unserem Gespräch mit Leilja Seper, einer Aktivistin und Feministin aus Sarajevo, wurde mir dies ein wenig klarer.

Leilja wirkt wie eine sehr starke, erfahrene Frau, die viel zu erzählen hat und ihr Wissen weitergeben will, andere empowern will, damit sich endlich etwas ändert. Für sie hat politischer Aktivismus keine Alternative, jedoch steht sie NGO’s und internationalen Organisationen kritisch gegenüber. Es soll die Bewegung von unten sein, die Bemächtigung derer, die derzeit nichts zu sagen haben, die in Bosnien-Herzegowina die traditionell männlich geprägten, in ethnisch-religiöse Gruppen geteilte Machtstrukturen sprengt.

Ob Frauen sich im Sarajevo Plenum eingebracht haben, möchte ich von ihr wissen. Mein Eindruck fusste eher auf der Annahme, dass, gerade auf Grund der Gesellschaftsstrukturen, Frauen eher marginal in den Plena präsent (gewesen) sind, ihre (Mit-)Arbeit als „unweiblich“ diffamiert wird,   das eher wieder Männer das Ruder übernehmen. Zu meiner Überraschung skizzierte sie mit ihrer Erzählung eine ganz andere, wenn auch komplexere Situation. Frauen nehmen sehr wohl – gerade in den Protesten und jetzt in der Phase danach – aktivistisch teil. Des Weiteren ist es sogar so, dass Frauen aus Sarajevo die gesamte Organisation und Durchführung der Plena in die Hand nahmen und dafür sorgten, dass dieser Möglichkeit von direkter, basisdemokratischer  Diskussion und Entscheidungsfindung auch in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt stattfindet. Frauen seien vielfach mit von der Partie, wenn es heisst, auf die Strasse zu gehen und auf die Umstände aufmerksam zu machen. Komme es dann aber darauf an, ihr Wirken medial oder mit den lokalen Eliten/Machthabern zu kommunizieren, würden sie unsichtbar gemacht. Es entstünden solch kuriose Situationen, dass Pressevertreter die Arbeit und die Meinung der organisierenden Frauen nicht ernst nahmen und nach einem Mann verlangten, der über das Sarajevo Plenum berichte.

Zudem greift auch hier das Phänomen der „gläsernen Decke“, die Frauen scheinbar unsichtbare Barrieren auf den Weg in höhere Positionen legt. Frauen leisten an der aktivistischen Basis viel Arbeit, die wiederum unsichtbar gemacht wird – infolgedessen kommen Männer in die politischen Schaltzentralen; Frauen werden aus dem politischen Geschehen wiederum ausgeschlossen. Ähnliches kann auch die polnische Journalistin Paulina Janusz berichten, die in Sarajevo investigativen Recherchearbeit betreibt: Während eines Geschäftsessen mit einem höherrangigen Politiker habe ihr dieser einfach während der Mahlzeit, ohne Ankündigung, ohne zu fragen, mit dem Löffel Essen von ihrem Teller genommen. Im Grunde eine kleine Geste, aber die Frage ist ja, welche Struktur und welches Denken hinter dieser Aktion stecken. Frauen werden in Bosnien-Herzegowina einfach nicht ernst genommen.

Die Stärkung von Frauen auf der einen Seite und das unermüdliche Arbeiten daran, dass die politische Stimme von Frauen endlich gehört wird, sind demnach zwei zentrale Dinge, die feministisches Empowerment in Bosnien-Herzegowina umfassen muss. Feminismus, so Leijla, sei derzeit auch die beste Möglichkeit, um auf die massiven Klassenunterschiede in der Gesellschaft aufmerksam zu machen, auf die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich. Starke, aktivistische Frauen würden dies sichtbar machen und den Diskurs zu einer besseren bosnisch-herzegowinischen Zukunft anstossen.

Anna Schulte

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